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Gepriesen sei der Herr der Gaylaxien

Illustration: Ein Mann mit weißer Basecap, langem grauem Bart und wildem schwarzem Lockenhaar steht in zerschlissener olivgrüner Jacke mit weit ausgebreiteten Armen auf einem Wagen und predigt zu einer jubelnden Menge mit Regenbogenfahnen und Konfetti auf einer sonnigen Großstadtstraße.

Der Mad Preacher kletterte auf einen Partytruck, zwischen Glitzer und nackten Schultern. Das war seine Kanzel. Der DJ legte gerade „Born This Way” von Lady Gaga auf. Der Mad Preacher hob die Hand. Die Musik brach mitten im Wort ab. Tausend Leute drehten sich um. Er nahm das Mikrofon, sah sie eine Weile an, und dann schrie er über die ganze Straße:

Gepriesen sei der Herr, der das Universum mit über 2 Billionen Galaxien erschaffen hat.

Gepriesen sei der Herr, der die Milchstraße mit Milliarden Sternen erschaffen hat.

Gepriesen sei der Herr, der das Sonnensystem erschaffen hat.

Und gepriesen sei der Herr, der nach 4,5 Milliarden Jahren Existenz unseres Planeten die Menschen erschaffen hat.

Gepriesen sei der Herr, der Tausende Tiere geschaffen hat, die gleichgeschlechtliche Sexualität praktizieren.

Und gelobt sei der Herr, der dieses gleichgeschlechtliche Sexualverhalten hasst und verachtet.

Und wer weiß es besser als die ach so großen Gelehrten?!

Und gepriesen sei der Herr, der Menschen so gebaut hat, dass Homosexualität in ihren Nerven liegt, in ihren Genen, in ihrer Psyche. Und der diese Homosexualität gleichzeitig verboten hat. Wer das Verbot übertritt, dem droht er mit der Hölle.

Gepriesen sei der Herr, der sich nie so beschrieben hat und nie so etwas verboten hat. Aber seine Stellvertreter auf Erden, die antiken Gelehrten, haben das in ihren Büchern festgelegt.

Hört, hört, Leute! Die Sprachrohre Gottes auf Erden haben gesprochen! Unsere lieben Gelehrten haben Recht gesprochen. Hört, hört, Leute, denn ihr Wort ist ein unfehlbares Wort. Denn es ist ein Konsens. Ihr könnt Sklavinnen vergewaltigen, ihr dürft Mädchen, die noch Kinder sind, verheiraten. Aber wehe, wehe, ihr liebt Menschen eures eigenen Geschlechtes.

Wehe, wehe, ihr habt sexuelle Beziehungen mit denen. Der liebe Gott wird ganz böse auf euch sein!

Wehe, ihr benutzt eure Neuronen!

Wehe, ihr benutzt euren Verstand!

Wehe, ihr stellt Fragen!

Wehe, wehe. Die lieben Gelehrten wissen doch ganz genau, was der Schöpfer der zwei Billionen Galaxien will und befiehlt. Geredet hat er nie mit ihnen. Aber hey, wer sind wir, dass wir sie überhaupt kritisieren?

Ihr denkt, ich spinne.

Aber wahrlich, ich sage euch: Alle Rechtsschulen, seien es Sunniten, Schiiten, Ibaditen – alle sagen, ihr dürft Sklavinnen besitzen. Alle sagen, ihr dürft Sex mit diesen Sklavinnen haben. Und keine Schule hat es bis jetzt geschafft, dies als verboten zu erklären. Und wisst ihr, warum? Sie können das nicht. Weil das bedeuten würde, den Koran, das Handeln des Propheten und den Konsens der Gelehrten infrage zu stellen. Und ganz schlimm wäre es eigentlich, den Konsens infrage zu stellen…ui ui…

Gott sei Dank gibt es die Konventionen der Vereinten Nationen. Und Gott sei Dank wurden die muslimisch geprägten Länder gezwungen, die Sklaverei abzuschaffen. Gezwungen. Im Moment ihrer Schwäche.

Und ja, heute unterschreiben sie Erklärungen gegen die Sklaverei. Wisst ihr, womit sie das begründen? Nicht damit, dass es falsch war. Die Sklaverei existiere heute nicht mehr, sagen sie, die Norm sei überholt. Nicht böse, nur nicht mehr dran. Keiner von ihnen bringt den einen Satz über die Zunge: Sklaverei ist an sich schlecht.

Ich sage’s euch. Texte waren nie das Problem. Texte kann man unterschiedlich interpretieren. Texte könnte man sogar überwinden. Texte könnte man kontextualisieren. Man könnte meinen, sie sind nur für eine bestimmte Zeit gedacht.

Aaaaber der Konsens, ach, ach, ach, ach, der Konsens, den kann man nicht infrage stellen. Weil dann das ganze Kartenhaus einstürzt.

Ich frage euch: Denkt ihr wirklich? Also jetzt, einfach unter uns. Der Schöpfer dieses ganzen Universums, vielleicht sogar von Multiversen. Er hat die Billionen Galaxien gemacht und darin die Milliarden Sterne, mit physikalischen Gesetzen, die kaum einer von uns durchdringt. Von den Quantenebenen fange ich gar nicht erst an. Er hat das Leben gemacht, im ganzen Spektrum der Lebewesen. Und dieser Schöpfer sagt dann, ein Mensch dürfe einen anderen versklaven und Sex mit Sklavinnen haben, ohne ihre Zustimmung? Denkt ihr das wirklich?

Die lieben Gelehrten erzählen uns, Homosexualität sei verboten, das stehe klar im Koran!

Klar heißt: Gott hätte einfach gesagt: „Leute, Homosexualität ist verboten, und damit meine ich dies und jenes.” Hat er aber nicht.

Und jetzt kommt ihr mir bestimmt mit eurer Lieblingsgeschichte, um euren Hass zu begründen. Der Mob in der Geschichte von Lot will die Gäste vergewaltigen. Und der Prophet, dieser verzweifelte Mann, hält ihnen die Frauen entgegen. Frauen. Jetzt denkt zwei Sekunden nach, mehr verlange ich nicht. Wenn diese Männer das gewesen wären, was ihr aus ihnen macht, was wäre das dann bitte für ein Angebot gewesen? Niemand bietet Schwulen Frauen an.

Also, was sagt ihr mir jetzt? Dass der Prophet nicht wusste, mit wem er da redet? Dass er vor diesen Menschen stand und ihnen etwas anbot, das sie gar nicht wollen konnten, weil er keine Ahnung hatte, wie Begehren überhaupt entsteht? Oder lest ihr in diese Geschichte etwas hinein, wovon sie gar nicht erzählt? Ihr macht aus einem Propheten einen Ahnungslosen, damit eure Auslegung weiterlebt. Damit euer Hass Brennholz bekommt.

Oder, und jetzt haltet euch fest, oder ihr sagt: Gott hat das so stehen lassen. Derselbe Gott, der jedes Neuron in eurem Schädel verdrahtet hat, der weiß, wie Begehren entsteht, weil er es selbst eingebaut hat. Und dieser Gott lässt in seinem Buch ein Angebot stehen, von dem er ganz genau weiß, dass es ins Leere läuft. Er hätte seine eigene Schöpfung nicht verstanden. Erhaben ist er über das, was ihr ihm da anhängt.

Also habt ihr die Wahl, Leute. Entweder der Prophet kannte die Menschen nicht, zu denen er sprach. Oder Gott kennt seine eigene Schöpfung nicht. Oder, ganz leise, ganz unter uns: Der Text redet gar nicht von dem, was ihr behauptet.

Zwei dieser Türen führen geradewegs in die Gotteslästerung, eine führt ins Nachdenken. Und ich sehe euch, wie ihr an der dritten vorbeirennt.

Redet die Geschichte von Lot von Einvernehmlichkeit? NEIN.

Redet die Geschichte von Lot von Liebe und Beziehung? NEIN.

Geschah die Geschichte von Lot in einem Rechtsstaat, in einem Sozialstaat, mit Polizei und Gerichten? NEIN.

Hatten die Menschen zur Zeit Lots auch nur die leiseste Ahnung von dem, was wir heute über den menschlichen Körper und seine Sexualität wissen? NEIN.

Dann wie zum Fick kommt ihr auf die bescheuerte Idee, dass diese Geschichte von Homosexualität spricht???

Hat Gott diese Zuneigung in diese Menschen hineingelegt? Hell yeah.

Kommt sie in jedem Land vor, in jeder Sprache, in jedem Jahrhundert, auch da, wo die Todesstrafe darauf steht? Aber sowas von.

Praktizieren Pinguine, Löwen, Giraffen und Schafe gleichgeschlechtlichen Sex? Über tausendfünfhundert Arten, Leute. Über tausendfünfhundert.

Toll. Gott erschafft etwas, das er zutiefst verachtet, und verteilt es dann noch großzügig quer durchs Tierreich. Kommt mir jetzt nicht mit: Tiere töten auch, und Tiere bespringen ihre Mütter.

Ich kenne eure Antwort darauf, ich kann sie mitsprechen. Das alles habe einen Zweck, sagt ihr. Der Löwe tötet, weil er fressen muss. Das Tier besteigt seine Mutter, weil es sich vermehren muss, und Inzucht macht ihm nicht dieselben Probleme wie uns. Alles klar. Macht Sinn. Nehme ich so.

Dann erklärt mir jetzt die andere Sache. Tausende Arten. Pinguine, Löwen, Giraffen, Schafe, Delfine, Käfer. Welchen Zweck erfüllt das? Los. Ich höre.

Und passt auf, ihr habt genau zwei Antworten, und beide gehören mir.

Sagt ihr, es hat einen Zweck, dann hat es einen Zweck. Dann steckt es im Bauplan. Dann hat es der eingebaut, den ihr gerade lobpreist, und dann ist es kein Fehler. Die Forschung sagt euch sogar, welcher: Bindung, Frieden in der Gruppe, Bündnisse, weniger Streit.

Sagt ihr, es hat keinen Zweck, dann behauptet ihr, dass Gott quer durch Tausende Arten etwas eingebaut hat, das für gar nichts gut ist und das Gott, nach euren Gelehrten, zutiefst verachtet. Millionen Jahre lang. Grundlos.

Und sagt mir bitte, wie ihr darauf kommt, das unnatürlich zu nennen.

Unnatürlich heißt: kommt in der Natur nicht vor. Es kommt aber vor. Überall kommt es vor, seit es Tiere gibt und seit es Menschen gibt. Also entweder ist die Natur unnatürlich, oder ihr benutzt ein Wort, dessen Bedeutung ihr nie nachgeschlagen habt.

Oder meint ihr vielleicht: nicht zum Kinderkriegen. Gut, dann sagt das doch. Und dann seid gefälligst konsequent. Der Mann, der unfruchtbar ist: unnatürlich. Die Frau nach den Wechseljahren: unnatürlich. Jeder Sex in der Schwangerschaft: unnatürlich. Jedes Kondom, jede Pille, jede Nacht, in der nichts entsteht: unnatürlich. Merkwürdig nur, dass da keiner von euch nach der Hölle ruft.

Aber der schlimmste Teil ist nicht, dass ihr das Wort falsch benutzt. Der schlimmste Teil ist, wen ihr damit beleidigt. Wenn etwas in der Schöpfung vorkommt und ihr nennt es widernatürlich, dann sagt ihr, die Schöpfung sei gegen den Schöpfer. Ihr nehmt etwas, das er gemacht hat, und schickt es zurück mit dem Vermerk: Fehler. Produktionsfehler. Muss vernichtet werden! Nicht wahr!

Und dann kommen die ganz Schlauen und vergleichen Homosexualität mit Pädophilie. Oder mit Kannibalismus. Die richtig Begabten schaffen beides in einem Satz.

Habt ihr eigentlich jemals das Wort Einvernehmlichkeit gehört?

Ich erkläre es euch ganz langsam.

Zwei erwachsene Männer poppen miteinander. Beide wollen es. Beide wissen, was sie tun. Ende der Durchsage. Da ist kein Opfer, egal wie sehr ihr eins sucht.

Wer sich an einem Kind vergreift, macht etwas völlig anderes, und das wisst ihr auch. Ein Kind kann nicht zustimmen. Nicht weil es nicht dürfte, sondern weil Zustimmung Wissen voraussetzt, und dieses Wissen hat ein Kind nicht. Da ist kein Wille, dem man folgen könnte. Da ist ein Erwachsener, der sich nimmt, was ihm nie gehört hat. Das ist keine Sexualität. Das ist ein Verbrechen.

Und der Kannibalismus? Fragt doch mal den Gegessenen, ob er einverstanden war. Ach, geht nicht mehr.

Und jetzt kommt der Teil, der euch nicht schmecken wird. Einvernehmlichkeit ist genau der Begriff, den eure ach so guten Gelehrten nie gebraucht haben. Sie brauchten ihn nicht, um Sklavinnen zu besteigen. Übersetzt in die Sprache, die ihr versteht, lautete das Gutachten: A slave girl’s hole is a halal hole. Yeah. Mit schariakonformen „Beweisen”. Mit dem guten alten Konsens der Gelehrten. I love it.

Aber jetzt, wo zwei Erwachsene einander wollen, jetzt fällt euch plötzlich die Moral ein.

Und jetzt sage ich euch, was hier wirklich läuft.

Euch geht das Bild eines weisen und liebenden Gottes, der sich nicht selbst widerspricht, am Arsch vorbei. Das ist nicht euer Thema, das war es nie. Ihr wollt Distanz.

Ihr braucht einen Anderen, damit ihr wisst, wo ihr selber steht. Und weil es diesen Anderen so, wie ihr ihn braucht, nicht gibt, baut ihr ihn euch. Ihr habt ihn euch ausgedacht.

Und diese Fantasie geht so weit, dass ihr Menschen, die einen Propheten verleugnet, Reisende überfallen und Gäste vergewaltigt haben, mit Menschen vergleicht, die niemandem etwas tun. Deren einzige Sünde ist, dass sie andere Menschen lieben. Und dass sie nicht anders lieben und begehren können, als sie geschaffen wurden.

Ihr baut eure Beziehung zu Gott nicht auf Liebe. Nicht auf Taten, die allen Menschen nützen. Nicht auf Gerechtigkeit. Und ganz sicher nicht auf Staunen, obwohl ihr jede Nacht zu zwei Billionen Galaxien hochschauen könntet. „Religion“ ist für euch eine Identität. Nichts weiter.

Und Identität ist bequem, Leute. Identität kostet nichts. Du musst dich nicht ändern, du musst dich nur zuordnen. Du musst nicht großzügig sein, nicht mutig, nicht gerecht. Du musst nur dazugehören. Eine Beziehung zu Gott würde dich umkrempeln. Eine Identität lässt dich genauso, wie du bist, und schenkt dir obendrauf das warme Gefühl, damit richtig zu liegen.

Und eine Identität braucht eine Grenze. Sie braucht die da drüben, sonst weiß sie nicht, wer sie ist. Genau deshalb taugt euch ein Gott, der alle liebt, überhaupt nichts. Der sagt euch nämlich nicht, wem gegenüber ihr besser seid.

Also macht ihr eine Liste. Einen Katalog von Dingen, die einen Muslim ausmachen. Bart oder kein Bart. Fleisch mit dem richtigen Stempel. Kein Bier. Eine bestimmte Kleidung. Eine Liste von Floskeln. Und ganz oben: wer mit wem fickt.

Und jetzt schaut euch an, was auf dieser Liste alles nicht steht. Da steht nicht: Erniedrige keinen Menschen. Da steht nicht: Rede nicht schlecht über Leute, die du nie getroffen hast. Da steht nicht: Lass deinen Nachbarn nicht hungern. Und wisst ihr, warum nicht? Weil man das von außen nicht sehen kann. Auf den Katalog kommt nur, was sich kontrollieren lässt. Alles andere ist unpraktisch.

Und deshalb steht ausgerechnet die Sexualität anderer Leute so weit oben. Weil sie euch nichts kostet. Ihr seid nicht schwul, also ist dieses Gebot für euch gratis. Ihr dürft fromm sein, ohne dafür zu bezahlen, weil immer jemand anderes die Rechnung kriegt. Das ist das billigste Gebot der Welt.

Und der Andere, den ihr euch da gebaut habt? Der sitzt seit zwanzig Jahren in eurer Reihe. Der betet neben euch. Der hat euch die Hand gedrückt, als eure Mutter gestorben ist. Ihr habt ihn nur nie gefragt.

Bis er eines Tages nicht mehr da war. Bis er schweigend seinen Glauben verloren hat! Oder bis er sich das Leben genommen hat, enttäuscht von euch, allein gelassen mit einer Schuld, die nie seine war.

Und dann standet ihr an seinem Grab und habt euch gefragt, was bloß in ihn gefahren ist.

Ach so, sorry. Für so einen betet ihr ja nicht. Wer sich selbst das Leben nimmt, bekommt bei euch kein Gebet. Auf ihn wartet die Hölle, sagt ihr, und ihr sagt es laut. Damit die anderen es hören. Denn es geht gar nicht um ihn. Es geht um die, die noch dasitzen.

Aber vielleicht ist die Grillplatte drüben barmherziger als eure scharfen Zungen, die die Seelen schon hier zerfressen.

Gepriesen sei Gott, der kein Monster ist.

Gepriesen sei Gott, der kein Götze ist und keine Marionette, deren Mund ihr bewegt.

Gepriesen sei Gott, der das heile Herz zum einzigen Maß gemacht hat, wenn nichts anderes mehr zählt.

Gepriesen sei Gott, der auf der Seite der Unterdrückten und der Verfolgten steht.

Gepriesen sei Gott, der nichts verachtet, was er selbst gemacht hat.

Ihr Schwulen. Ihr Lesben. Ihr Bisexuellen. Ihr Pansexuellen. Ihr trans Menschen. Ihr intergeschlechtlichen Menschen. Ihr nichtbinären Menschen. Ihr asexuellen Menschen. Und ihr alle, für die sie noch kein Wort gefunden haben, das sie euch umhängen können.

Lasst euch nicht beirren.

Gott liebt euch.

Lebt euer Leben. Und lasst euch von Ahnungslosen nicht traurig machen.

Er drehte sich um und rief dem DJ zu: Mach weiter. Der Beat kam zurück, genau an der Stelle, an der Lady Gaga singt:

I’m beautiful in my way
’Cause God makes no mistakes
I’m on the right track, baby
I was born this way
Don’t hide yourself in regret
Just love yourself and you’re set

— Lady Gaga, „Born This Way”, 2011